{"id":6130,"date":"2020-08-10T07:45:23","date_gmt":"2020-08-10T06:45:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.michael-toengi.ch\/?p=3168"},"modified":"2020-08-10T07:45:23","modified_gmt":"2020-08-10T06:45:23","slug":"die-personenfreizuegigkeit-regelt-die-art-und-weise-der-zuwanderung-nicht-ihre-hoehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruene-luzern.ch\/blog\/2020\/08\/10\/die-personenfreizuegigkeit-regelt-die-art-und-weise-der-zuwanderung-nicht-ihre-hoehe\/","title":{"rendered":"Die Personenfreiz&#252;gigkeit regelt die Art und Weise der Zuwanderung. Nicht ihre H&#246;he."},"content":{"rendered":"<p>Im Abstimmungskampf um die K&#252;ndigungsinitiative konzentriert sich die SVP auf das Hauptargument, die Zuwanderung sei zu hoch. Z&#252;ge &#252;berf&#252;llt, Mieten w&#252;rden steigen, &#252;berall habe es einfach zu viele Leute.<\/p>\n<p>Allerdings: Die Menschen kommen nicht wegen der Personenfreiz&#252;gigkeit in die Schweiz. Sie werden durch Jobs angeworben. Wer hier bleiben will, muss eine Arbeitsstelle nachweisen k&#246;nnen. In den letzten 20 Jahren hat in der Schweiz die Anzahl Erwerbst&#228;tige um eine Million zugenommen oder um 25 Prozent. In dieser Zeit ist auch die Erwerbst&#228;tigkeit der Frauen angestiegen und sie haben einen Teil der Stellen &#252;bernommen, doch es ist klar: Das Wirtschaftswachstum in unserem Land basiert haupts&#228;chlich auf ausl&#228;ndischen Arbeitnehmer*innen, die in die Schweiz kommen. Die Zuwanderung war in der Zeit ab 2007 hoch, ist aber in den letzten drei Jahren stark abgeflacht und war &#252;brigens schon in den 60er Jahren prozentual in einem &#228;hnlichen Rahmen.<\/p>\n<p>Nun k&#246;nnte man durchaus eine Diskussion &#252;ber Wachstum f&#252;hren, etwa &#252;ber die schweizerische Steuerpolitik, die sehr aktiv ausl&#228;ndische Firmen in die Schweiz holt, &#252;ber die Frage, ob Wohlstand an Wachstum gekoppelt sein muss oder in welche Bereiche wir investieren sollten um die grossen Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Doch genau dies will die SVP nicht.<\/p>\n<p>Magdalena Martullo hat in einem gr&#246;sseren Tagi-Interview dazu eine klare Antwort geliefert: \u00a0\u201eWir in der SVP sind nicht grunds&#228;tzlich dagegen, dass Ausl&#228;nder in die Schweiz kommen.\u201c Alles andere w&#228;re auch unglaubw&#252;rdig, denn die Partei weiss selber, ohne Migrant*innen w&#252;rde die Wirtschaft schon lange nicht mehr laufen.<\/p>\n<p>Also: Die SVP will nicht an den entscheidenden Stellschrauben drehen, die &#252;ber das Wachstum in der Schweiz entscheiden, sondern sie schiesst sich gem&#228;ss einer langen Tradition auf Ausl&#228;nder*innen ein. Es geht nicht darum, wie viele Menschen in die Schweiz kommen, sondern wie sie kommen. Im Interview lobt die SVP-Nationalr&#228;tin ein gl&#252;cklicherweise &#252;berwundenes System: \u201eJa, aber vorher hatten wir noch das Saisonnierstatut. Wenn Tiefqualifizierte damals arbeitslos wurden, kehrten sie in ihre Heimat zur&#252;ck, und wir mussten nichts bezahlen.\u201c Das Saisonnierstatut war nicht nur prek&#228;r, weil es die italienischen Bauarbeiter oder die jugoslawischen K&#252;chenarbeiterinnen in Wirtschaftflauten ohne Absicherung heimschickte, sondern es gab auch keinen Familiennachzug, es war unklar, ob die Arbeiter*innen auch die n&#228;chste Saison in der Schweiz verbringen konnten. Viele Menschen wohnten unter schlechten Bedingungen \u2013 die Baracken sind vielen noch in Erinnerung \u2013 und all das verhinderte eine gute Integration.<\/p>\n<p>Magdalena Martullo will gem&#228;ss Interview zwar nicht zum Saisonnierstatut zur&#252;ck \u2013 dazu ist ihr wohl der Begriff doch zu stark mit einer unw&#252;rdigen Migrationsgeschichte verkn&#252;pft. Ihr schwebt aber ein flexibles System vor: \u201eWenn es der Wirtschaft gut geht, braucht man mehr Leute, wenn es schlecht l&#228;uft, braucht man weniger.\u201c Mit den Klagen seitens der SVP &#252;ber den Familiennachzug und Einwanderung ins Sozialsystem ist klar: Ein flexibles System bedeutet schlechtere soziale Absicherung f&#252;r Migrant*innen und mehr Unsicherheit, wie ihre Zukunft aussieht. Vielleicht werden sie bei der n&#228;chsten Wirtschaftskrise vor die T&#252;r gesetzt. Im Betrieb und gleich auch noch vom Wohnland.<\/p>\n<p>Ob das qualifizierte Arbeitnehmer*innen mit sich machen lassen w&#252;rden, steht auf einem anderen Blatt. Und dass die EU dies nicht akzeptieren w&#252;rde, m&#252;ssen wir hier nicht diskutieren. Aber zwei Sachen sind mir wichtig: Die Pl&#228;ne der SVP f&#252;hren uns in eine unw&#252;rdige Arbeitswelt zur&#252;ck, in der ausl&#228;ndische Arbeiterinnen und Arbeiter massiv schlechter gestellt w&#252;rden, und andererseits w&#252;rde diese Schlechterstellung auch alle anderen Arbeitnehmenden treffen. Prek&#228;re Arbeitsbedingungen f&#252;r die einen bedeuten immer auch eine Schw&#228;chung f&#252;r alle. Wie sollten fortschrittliche Arbeitsbedingungen durchgesetzt werden, wenn ein Teil der Arbeitnehmerschaft per se &#252;ber weniger Rechte verf&#252;gt?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Abstimmungskampf um die K&uuml;ndigungsinitiative konzentriert sich die SVP auf das Hauptargument, die Zuwanderung sei zu hoch. Z&uuml;ge &uuml;berf&uuml;llt, Mieten w&uuml;rden steigen, &uuml;berall habe es einfach zu viele Leute. Allerdings: Die Menschen kommen nicht wegen der Personenfreiz&uuml;gigkeit in die Schweiz. Sie werden durch Jobs angeworben. 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