{"id":6280,"date":"2021-05-03T06:13:48","date_gmt":"2021-05-03T05:13:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.michael-toengi.ch\/?p=3230"},"modified":"2021-05-03T06:13:48","modified_gmt":"2021-05-03T05:13:48","slug":"fuer-eine-konkrete-debatte-statt-dem-cancel-vorwurfshammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.gruene-luzern.ch\/blog\/2021\/05\/03\/fuer-eine-konkrete-debatte-statt-dem-cancel-vorwurfshammer\/","title":{"rendered":"F&#252;r eine konkrete Debatte statt dem Cancel-Vorwurfshammer"},"content":{"rendered":"<p>Schauspieler*innen, die sich mit Satire &#252;ber Corona-Massnahmen lustig machen, Adolf Muschg, der eine Cancel Culture in der Schweiz ausmacht und diese mit Auschwitz vergleicht: Beides hat starke Reaktionen ausgel&#246;st. Widerrede, Emp&#246;rung, aber insbesondere hierzulande gab es auch viel Zustimmung und eher: Emp&#246;rung &#252;ber die Emp&#246;rung. Die Diskussion &#252;ber eine sogenannte Cancel Culture schwappt sein einigen Monaten vermehrt durch die Schweiz: Aber was steckt dahinter? Und: Wer cancelt wen?<\/p>\n<p>Selbst der \u201eneue\u201c <a href=\"https:\/\/www.nebelspalter.ch\/cancel-culture-gibt-es-auch-in-der-schweiz\">Nebelspalter<\/a> h&#228;lt fest: Das Ph&#228;nomen sei in der Schweiz noch nicht so stark vertreten \u2013 nur solle man sich nicht zu sicher sein, schiebt er vorsorglich nach. Und welche Beispiele kommen? Die Klimadiskussion sei verengt wie auch jene &#252;ber Corona. Das war von einem Nebelspalter zu erwarten und da wurde nicht viel Hirnschmalz f&#252;r eine Analyse verwendet. Ein Philosophieprofessor nennt im Artikel als Beispiel den Gesundheitswissenschaftler John Ioannidis. Er werde verleumdet. Ein schlechtes Beispiel, denn seine Thesen wurden in den Medien breit diskutiert. Nur: Sehr viele andere Wissenschaftler*innen und die meisten Journalist*innen teilen seine Schlussfolgerungen nicht. Gerade Journalismus hat die Aufgabe, Meinungen darzustellen, sie aber auch einzuordnen oder vor allem den Leser*innen Hilfen anzubieten, dies selber machen zu k&#246;nnen. Nur weil eine Meinung nicht mehrheitlich mitgetragen wird, kann sich der Autor oder die Autorin noch kein Cancel-Schild umh&#228;ngen.<\/p>\n<p>Weiter wird im Nebelspalter ausgef&#252;hrt, dass schon Auftritte sabotiert wurden, vor einem Jahr zum Beispiel von einem libert&#228;ren &#214;konomen. Ok, etwas mehr Gelassenheit und die Auseinandersetzung suchen, k&#246;nnte richtig sein. Nur: Ist das jetzt das einzige Beispiel? Offensichtlich ist es schwierig, zum Beweis einer neuen Tendenz auch etwas Substanz respektive F&#228;lle in die Diskussion zu bringen. Ja und ist es denn etwas Neues, dass jemandem ein Auftritt verweigert wird? Wer sich heute dar&#252;ber entsetzt, war mit einiger Wahrscheinlichkeit fr&#252;her daran beteiligt, dass andere schon gar nie eine Auftrittsm&#246;glichkeit erhalten hat. Siehe zum Beispiel Andi Gross als Pr&#228;sident der GSOA, der in der Universit&#228;t Z&#252;rich unerw&#252;nscht war. Und siehe auch all die Menschen, denen w&#228;hrend des Kalten Krieges der Mund verboten wurde, vor- und verurteilt wurden.<\/p>\n<p>Aber wurden die 50 Schauspieler*innen in Deutschland gecancelt, da sie ihre Statements ins Internet stellten? Ein un&#252;berlegtes Video, das kann es geben. Schwamm dr&#252;ber. Aber diese Aktion war geplant, koordiniert und sie hatte doch gerade den Sinn, eine Reaktion auszul&#246;sen. In der <a href=\"https:\/\/www.luzernerzeitung.ch\/kultur\/analyse-allesdichtmachen-die-aktion-ist-nicht-das-problem-das-problem-sind-wir-ld.2129741\">Luzerner Zeitung<\/a> wurde daf&#252;r pl&#228;diert, \u201edie Vieldeutigkeit zu erkunden\u201c. Ich habe mir einige angeschaut. In einem kontextlosen Raum sind einige ja noch lustig. Nur: Sie hatten eben einen sehr konkreten Kontext \u2013 sie alle verbindet die Kritik an den Coronamassnahmen. Jetzt fielen die Reaktionen negativ \u2013 teilweise auch sehr hart &#8211; aus. Diese Reaktionen dann aber gleich als faschistoid zu bezeichnen, wie geschehen, ist eine groteske Umkehr von Ursache und Wirkung. Ist es nicht viel einfacher und muss man diesen Schauspieler*innen schlicht sagen: Selber tschuld?<\/p>\n<p>Und wie ist es mit Adolf Muschg? Da kann ich nur sagen: Wer mit Auschwitz-Vergleichen um sich wirft und dann treuherzig findet, das sei aus dem Zusammenhang gerissen und man m&#246;ge bitte die ganze Sendung h&#246;ren, ist ebenfalls ganz selber verantwortlich f&#252;r die Verengung der Diskussion.<\/p>\n<p>Gecancelt f&#252;hlte sich auch eine Teilnehmerin der EDU bei einem Podium an der Luzerner Hochschule f&#252;r soziale Arbeit &#252;ber LGBTIQ+ Gleichstellungsfragen. Ja, sie wurde von den Studierenden hart angefasst und musste sich viele Fragen erlauben. Ihre Argumentation, die g&#246;ttliche Ordnung k&#228;me da durcheinander, l&#246;ste starkes Kopfsch&#252;tteln aus und sie beklagte sich &#252;ber die Reaktionen. Ist das nun ein Canceln? Oder gab es eine Verschiebung im Wertesystem? Musste jemand, der oder die in den 80er Jahren die Ehe f&#252;r alle forderte, nicht mit gleich starken Reaktionen rechnen? Oder: Wahrscheinlich mit st&#228;rkeren? Damals gab es Berufsverbote f&#252;r Mitglieder der POCH und Schwulenkarteien. Beklagen sich jetzt nicht auff&#228;llig viele Leute &#252;ber ein Canceln, die einfach jahre- und jahrzehntelang nicht mit Gegenwind rechnen mussten oder dass sie sich f&#252;r einmal in einer Minderheitsposition wiederfinden?<\/p>\n<p>Gerne werden Einzelereignisse &#252;berh&#246;ht, wie beim Aufschrei, als eine Bank dem Referendumskomitee gegen die Ehe f&#252;r Alle ein Bankkonto verweigerte. Ob richtig oder falsch: Das ist keine neue Cancel-Culture, sondern g&#228;ngige Gesch&#228;ftspraktik von Banken, mit welchen progressive Kreise schon und vor allem vor Jahrzehnten konfrontiert waren.<\/p>\n<p>&#196;hnlich verh&#228;lt es sich mit einigen b&#252;rgerlichen Politikern und einigen Medien in Bezug auf linke Stadtregierungen und Parlamente. Ach, die ziehen eigene Projekte durch? Suchen nicht den Konsens mit allen politischen Kreisen? Na sowas \u2013 hat jemand eine &#228;hnliche Kritik gegen&#252;ber b&#252;rgerlichen Kantonsregierungen geh&#246;rt, die vielerorts seit Menschengedenken am Werk sind? Auch hier gilt: Die Kritik kommt oft als Phantomschmerz von b&#252;rgerlicher Seite, die sich unverdienter- und unerkl&#228;rlicherweise in manchen Fragen in einer Minderheitsposition wiederfindet. Wer vom Thron gestossen wurde, mag sich verletzt f&#252;hlen, doch er oder sie ist jetzt auf Augenh&#246;he mit den anderen.<\/p>\n<p>Zwei Schlussfolgerungen<\/p>\n<p>Nat&#252;rlich gibt es Beispiele, wo jemand nicht zu Wort kommt, man ihm oder ihr nicht genau zuh&#246;rt und voreilige Urteile gezogen werden. Diskutieren wir doch &#252;ber diese konkreten Beispiele: Sind Fehler passiert in der Debattenkultur, im Ausschluss von Menschen? Der Erkenntnisgewinn ist dann einiges h&#246;her als die allgemeine Cancel-Diskussion, die mir in letzter Zeit als Ausweichrhetorik vorkommt f&#252;r jene, denen im Konkreten die Argumente ausgegangen sind.<\/p>\n<p>Was stimmt: Ja, die Diskussionen sind lauter geworden. Auf allen Seiten \u2013 das ist aber kein generelles Zeichen einer Verrohung der Debatte, sondern ein Problem der heutigen Debattenr&#228;ume. Wir wissen, dass auf den sozialen Medien emotionale, laute und zugespitzte Beitr&#228;ge besser bewertet werden, teils durch die Algorithmen der Anbieter gef&#246;rdert und teils im Durchscrollen rascher bewertet. Wenn wir differenziertere Debatten wollen und die Lautst&#228;rke etwas runterpegeln wollen, braucht es hier Massnahmen. Zwei Hebel seien hier genannt: Die Plattform-Anbieter*innen m&#252;ssen ihre Algorithmen anpassen und die Gesellschaft muss diskutieren, ob eine Moderation der Beitr&#228;ge die Meinungsfreiheit einschr&#228;nkt oder aber die Debattenkultur st&#228;rkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schauspieler*innen, die sich mit Satire &#252;ber Corona-Massnahmen lustig machen, Adolf Muschg, der eine Cancel Culture in der Schweiz ausmacht und diese mit Auschwitz vergleicht: Beides hat starke Reaktionen ausgel&#246;st. 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