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Klassendenken übertölpelt Demokratie
16. Juli 2010, von Samuel KneubühlerGestern habe ich einen DOK-Film gesehen („The Queen and I“, SWE 2008). Er handelt von der Frau des (verstorbenen) Schahs von Persien, Empress (Kaiserin) Farah Palavi, und einer iranisch-schwedischen Filmemacherin namens Nahid Persson Sarvvestani, welche einen Film über die Frau des Schahs drehen will. Diese war eins als Kommunistin bei der Anti-Schah-Bewegung aktiv und verlor nach der Machtübernahme der Islamisten 1979 ihren Bruder (Galgen) – und Königin Farah kurze Zeit später ihren Mann (Krebs).
Gegen Ende des Films diskutieren die beiden nun beinahe befreundeten Frauen über die Vergehen beider Seiten (der Schah liess Leute foltern und einige in der revolutionären Bewegung wollten die Schahs nach der Entmachtung zu Tode hetzen). Es kam zum Thema, wie die Filmemacherin Aktivistin der Protestbewegung wurde, welches sie mit Gleichheit, Friede und Demokratie(sierung) gleichsetzte – auch weil sie unter ärmsten Verhältnissen aufwuchs, während sie zusehen musste, wie die Schahfamilie prunkvoll lebte.
Da meinte „Ihre Majestät“, die Jugend würde halt schnell von Werten wie Gleichheit in den Bann gerissen. Es gäbe ein Sprichwort in Persien:
„Bist du mit Zwanzig kein Linker, bist du asozial. Bist du mitte dreissig noch einer, bist du dumm“.
Die Filmemacherin erwiderte nichts. Vielleicht, weil die Kaiserin gütigerweiseweise aus heutiger Sicht Reformen wie Meinungsfreiheit befürworten würde (der Schah hat Reformen tatsächlich angekündigt, konnte diese nicht mehr umsetzen).
Für eine (herrschende oder ex-) Royalistin mag die Idee der Gleichheit und Freiheit „links“ sein, doch dafür kämpfe ich heute noch immer. Für sie mag Napoleon Bonaparte ein Linker gewesen sein, für mich ist er jedoch ein waschechter, alter Liberaler. Einer, der das Bürgertum erfunden hat, den 90% der Nichtadeligen eine Stimme gab. Einer, der Mindestnormen und gleiche Rechte und Pflichten eingeführt hat, welche bei uns heute meist Standard sind.
Was soll darin verkehrt sein? Die ehemalige persische Majestät tat zwar auch Karikatives – sie musste aber ihr Refugium und ihre angestammten Machtverhältnisse nie abgeben.
„Hätten Sie mir doch geschrieben, dass Ihre Mutter acht Kinder alleine mit totkranken Vater hat aufziehen müssen und ich hätte geholfen“, meinte Empress Farah nur.
So ist das aber nicht in der Demokratie: das Volk entscheidet mittels eigens erlassener Rechtsgrundlagen, wer wem wie viel geholfen wird.
Und auf Hilfe haben alle im Land Anspruch – nicht nur diejenigen, welche sich mittels einer Bittschrift an die Herrschenden wenden.
Deshalb ist es unfair, wenn eine neue herrschende Klasse, die sich ironischerweise „liberal im Geiste“ nennt, mit teils bedenklichen Methoden versucht, den Sozialstaat, den wir lange aufbauen mussten, zu Grabe zu tragen, indem sie die Gleichheit aufweicht, indem im Prinzip schleichend wieder eine Klassengesellschaft eingeführt wird und die Lohnschere sich weiter öffnet bis wir wieder bei den Familienverhältnissen der Filmemacherin (geboren 1960) ankommen könnten. Dabei ist ein Klassendenken jeglicher politischen Couleur seit je her kontraproduktiv gewesen.
Wenn ein soziales Ungleichgewicht entsteht, schürt dies nebst Unsicherheit, Existenzängsten, auch soziale Spannungen – und dies wollen die Iniatioren dieser Vorlagen ja auch nicht. Dank kurzsichtem Denken helfen sie aber, Teile der Bevölkerung zu schwächen und andere zu begünstigen.
Deshalb empfehle ich allen, am 27. September 2010 NEIN zur Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetztes (AVIG) zu stimmen – und auch zu allen kommenden reinen Vorlagen, die nur Leistungsseite einsparen, aber nicht mehr Geld generieren – da stimmt doch was nicht!
